was reist vor dem reisen

um ein paar binsenweisheiten werde ich hier nicht herumkommen. eine reise beginnt lange vor dem schritt ins flugzeug oder aus ihm heraus. und damit meine ich nicht nur das, woran all jene denken, die gern vorbereitet sind, wenn sie eine reise beginnen – impfungen, visa, geld, karten, reiseführer, den reundlichen nachbar zum blumengießen, den noch freundlicheren nachbar, der in die wohnung zieht, wenn man gar zu lang weg ist usw. all das betraf uns auch, und es gab seit dezember 2006 eigentlich keinen tag, an dem nicht irgendetwas besorgt, getan, auf die liste gesetzt, von der list wieder gestrichen oder abgehakt wurde. reisen ist stress. vor allem davor.
aber das ist ok. warum sonst sollten wir reisen, wenn nicht, um uns selbst zu stressen. wenn wir es dann noch kick, abenteuer oder erlebnis nennen, sind wir fast schon bei neckermann.
nein, was ich meine, wenn ich sage, dass das reisen shon lange vorher beginnt, ist die innere ablösung von allem was „hier“ ist, sogar vom „jetzt“. es sind andere verhältnisse von raum und zeit, die in uns entstehen, wenn das bewusstsein reift, dass es auf die reise geht. wie von selbst weitet sich der blick, zieht irgendwer den cursor auf googlemaps zurück und es gerät mehr in unseren blick als zuvor. es ist nicht, dass wir sehen, was wir vorher nicht sehen konnten; das reisen wird uns – zum glück – nicht abgenommen. was wir sehen, sind im wesentlichen wir selbst, nur von anderswo. vielleicht ist es ein bisschen wie die gestellten fotos in vergnügungsparks, bei denen man hinter eine pappwand tritt, durch ein loch schaut, dumm grinst – und so zum indiander auf probe wird. auf annähernd gleiche weise, nur ohne pappwand, sind wir selbst schon unterwegs, malen uns neue imaginäre pappen aus allem, was uns an erfahrungen, vorurteilen und geschichten zur verfügung steht – und erkennen darüber unsere everyday-pappe, und ein bisschen uns, wie wir durch sie hindurchgrinsen.
ehrlich gesagt, ist diese erkenntnis sogar ein bisschen schmerzhaft; wenn man sich den luxus gönnt, sie wirklich zu betrachten und auch als das zu erkennen, was sie ist: eine pappe, ein bemaltes stück leben, das für uns den anschein des realen hat. zu recht. und doch: jede andere pappe täte es auch. zum glück. das zu verkraften, ist die kunst zu leben. das zu beherrschen ist lebenskunst. irgendwo dazwischen liegt das reisen – und die zeit davor. mal einen blick darauf zu werfen, sich noch vor großer fahrt neu skizzieren, pappen zu bemalen, die vielleicht nie wirklichkeit werden und sie beiseite stellen, wenn es losgeht. zu enthüllen, hinter welche schablone wir dann tatsächlich treten, das besorgt hemmungslose fotografiererei.
hier nicht. zum glück. das hat nichts mit hemmungen zu tun, in fünf monaten habe ich es auf traurige 10.000 bilder geschafft. wichtiger ist die perspektive, und die schiebt mich hinter die kamera.
deshalb entwerfen die geschichten und skizzen, die folgen, auch nicht meine oder unsere pappe – auch wenn sie das natürlich implizit immer doch tun, ich kann, oder will nur entwerfen, was auch tatsächlich da oder wahrnehmbar war. Pappe beiseite: nicht in jede sollte man selbst eintreten; es ist das bild der welt, in die es uns verschlug und ihrer menschen.

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Eine Antwort

  1. schön. ich freu mich!

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